Da Personen mit betrügerischen Absichten ständig ihre Taktik weiterentwickeln und Verbraucher weltweit ins Visier nehmen, war die Notwendigkeit einheitlicher Maßnahmen gegen Betrüger noch nie dringlicher. Laut dem Bericht “Global State of Scams Report 2025", der von der Global Anti-Scam Alliance (GASA) und Feedzai erstellt wurde, wurden 70 % aller Erwachsenen weltweit im letzten Jahr Opfer von Betrug. Dennoch meldete nur ein Bruchteil diese Straftaten an Behörden. Diese Lücke untermauert eine wichtige Wahrheit: Keine einzelne Organisation, Firma oder Regierung kann dieses Problem allein lösen.
Jorij Abraham versteht dies besser als die meisten. Als Managing Director von GASA, leitet er eine globale Koalition von Interessenvertretern aus Regierung, Strafverfolgungsbehörden, Finanzinstituten, Technologieunternehmen und Verbraucherschutzverbänden. Diese arbeiten jeweils zusammen, um Wissen zu teilen und Maßnahmen gegen grenzüberschreitende Betrüger zu koordinieren.
Bevor er zu GASA kam, war er Forschungsleiter bei Thuiswinkel.org (der niederländischen E-Commerce Association) und Ecommerce Europe, wo er seine Expertise im digitalen Handel, Kundenvertrauen und in der Betrugsprävention ausbaute. Außerdem hat er ScamAdviser.com ins Leben gerufen, eine Webseite, die monatlich mehr als 7 Millionen Verbrauchern hilft, legitime von potenziell betrügerischen Websites zu unterscheiden.
Im Anschluss an das Global Anti-Scam Summit (GASS) America 2025, das im Amazon HQ2 in Arlington, Virginia, gehalten wurde, verdeutlichte Abraham die Dringlichkeit der Betrugsprävention und der Bedeutung einer Zusammenarbeit bei der Bewältigung einer Krise, die täglich Millionen von Menschen betrifft. In diesem Interview erläutert Abraham, wie wichtig branchenübergreifende Zusammenarbeit beim Verbraucherschutz ist und was es brauchen wird, um eine Welt aufzubauen, in der Menschen gewiss sein können, dass sie nicht Betrügern zum Opfer fallen.
1. Was hat Sie dazu motiviert, GASA zu gründen, und warum erfordert die Bekämpfung der weltweiten Betrugsverluste in Höhe von 442 Milliarden Dollar eine einheitliche Vorgehensweise?
Zu diesem Zeitpunkt besaß ich ScamAdviser.com, wodurch überprüft wird, ob eine Website legitim oder ein Betrug sein könnte. Während ScamAdviser jeden Monat vielen Menschen hilft, Betrug zu vermeiden, löst es das eigentliche Problem nicht. Betrüger erstellen einfach eine neue Website, sobald ihre aktuelle Betrugs-Website aufgeflogen ist. Um das Problem an der Wurzel zu bekämpfen, habe ich GASA gegründet. Die Auswirkungen auf Verbraucher sind verheerend – nicht nur finanziell, sondern auch mental. Die Menschen verlieren ihre Ersparnisse, ihr Gefühl der Sicherheit und ihr Vertrauen in die digitale Welt. Daher müssen wir mehr tun.
Betrüger arbeiten weltweit und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg (Einrichtung einer Website, Traffic-Generierung über Soziale Netzwerke, Kontaktaufnahme mit Personen per SMS/Telefon, Überredung zu einer Zahlung über ein Bankkonto usw.). Regierungen, Strafverfolgungsbehörden, Internetanbieter, Telekommunikationsbetreiber und Banken müssen zusammenarbeiten, um Betrugsfälle schneller zu identifizieren, die Personen mit betrügerischen Absichten ausfindig zu machen und ihre Netzwerke zu zerschlagen.
2. Sie haben soeben das Global Anti-Scam Summit America 2025 abgeschlossen. Was waren die überzeugendsten Erkenntnisse darüber, wie Betrüger grenzüberschreitend vorgehen?
Die organisierte Kriminalität hat das Betrugsgeschäft übernommen. Es ist nicht mehr nur ein 16-jähriger Junge, der einen Online-Store aufstellt und vergessen hat, ein Produkt zu liefern. Heute sehen wir Büros, in denen manchmal Tausende von Menschen arbeiten, die gezwungen werden Menschen in anderen Ländern zu betrügen. Diese Betrugszentren sind erstmals in Südostasien aufgetaucht, nun sehen wir jedoch, dass sie weltweit expandieren. Online-Betrug hat sich zu der am häufigsten gemeldeten Art von Straftaten entwickelt, auch wenn dieser immer noch zu den am seltensten gemeldeten Betrugsarten gehört.
3. Während des Gipfels diskutierten Branchenvertreter über aufkommende Bedrohungen. Wie nutzen sowohl Betrüger und als auch Verteidiger künstliche Intelligenz (KI) und was bedeutet diese Entwicklung für den Verbraucherschutz?
Ich bin sehr besorgt über den zuehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz durch Betrügern. Betrüger sind weiterhin innovativ und dynamisch und passen ihre Vorgehensweisen an neue technologische Fortschritte an. In vielen Fällen können wir feststellen, dass sie schneller sind als wir, was die Anwendung neuester Technologien angeht. Allerdings nutzen Unternehmen im Bereich Cybersicherheit und Technologie ebenfalls künstliche Intelligenz, um Betrug besser zu erkennen und Menschen davor zu schützen. Ich sehe einen andauernden Kampf voraus, bei der KI von Betrügern verwendet wird, um Menschen zu betrügen, während Verteidiger künstliche Intelligenz verwenden, um Betrug besser zu erkennen und Menschen davor zu schützen. Wir stehen einem harten Kampf bevor. Von der KI erstellte Texte sind bereits fast perfekt. Die Tatsache, dass sie fehlerfrei geschrieben sind, könnte in Zukunft die einzige Möglichkeit sein, sie als Betrug zu identifizieren. Dasselbe verhält sich bei gefälschten Stimmen. Ich spreche mit Experten, die erwarten, dass sie in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich keine gefälschten Stimmen mehr von echten unterscheiden können. Wir müssen anpassen und innovativ sein, um Menschen weiterhin vor Betrügern zu schützen.
Wir beobachten eine zunehmende Spezialisierung. Betrüger konzentrieren sich auf einen Nischenbereich und werden sehr, sehr gut darin. Dies könnte beispielsweise alles sein, von der Entwicklung von Software, um betrügerische Websites innerhalb von Sekunden zu erstellen, bis hin zu Social-Engineering, bei dem junge Männer als Geldkuriere angeworben werden und vieles mehr. Die Betrugsbranche wird immer professioneller und ausgeklügelter und sie machen es schnell. Daher müssen wir uns viel mehr organisieren.
4. Können Sie uns ein Beispiel aus dem letzten Jahr nennen, in dem eine branchenübergreifende Zusammenarbeit einen Betrugsvorgang erfolgreich unterbunden hat?
Weltweit hat INTERPOL verschiedene Maßnahmen zur Auflösung von Betrugsmaschen ergriffen. Nahezu alle Maßnahmen umfassen nun auch den privaten Bereich, an denen sich Cybersecurity-Unternehmen und Technologieunternehmen beteiligen. Auf nationaler Ebene ist das Anti-Scam Center von Singapur ein großartiges Beispiel, bei dem Banken, Telekommunikationsbetreiber, Soziale Netzwerke und Strafverfolgungsbehörden in einem Raum sitzen und zusammenarbeiten, um Betrug zu bekämpfen.
5. Amazon trat kürzlich der Global Signal Exchange (GSE) bei und wir beobachten, dass sich ähnliche öffentlich-private Partnerschaften zur Betrugsbekämpfung bilden, einschließlich des Datenaustauschs zwischen Einzelhändlern, Finanzinstituten und Strafverfolgungsbehörden. Was macht diese Partnerschaften effektiv und wie entwickelt sich diese Zusammenarbeit?
Wir müssen vom Austausch von Erkenntnissen zu mehr Lösungen und Maßnahmen übergehen. Der Global Signal Exchange (GSE), der im Januar 2025 mit Hilfe von unter anderem GASA gestartet wurde, ist ein großartiges Beispiel. Die GSE hat nun mehr als 30 Parteien, einschließlich Amazon, die täglich mehr als 1 Million Echtzeit-Signale zu Betrugsfällen melden.
Im Moment sehen wir Betrüger, die von einer Website zur nächsten wechseln und häufig dieselbe Kreditkarte, Telefonnummer und möglicherweise eine gestohlene ID verwenden. Ich hoffe, dass wir mit der GSE und anderen Datenaustauschinitiativen solche Aktivitäten nicht nur schneller identifizieren, blockieren oder unterbinden können, sondern auch sicherstellen können, dass ihre Zugangsdaten nur einmal missbraucht werden können. Schließlich ermöglicht uns die Datenerfassung auch, Muster besser zu erkennen, was uns zur Quelle des Betruges führt.
6. Weltweit melden nur 7 % der Betroffenen einen Betrugsfall. Wie arbeiten die Teilnehmer des Gipfeltreffens zusammen, um diese Lücke bei der Berichtserstattung zu schließen?
Das ist ein großes Problem. Die Menschen melden aus verschiedenen Gründen keine Betrugsfälle. Sei es, weil sie nicht mitteilen möchten, dass ihnen dies passiert ist, weil sie nicht wissen, wo sie dies melden können, oder weil sie der Meinung sind, dass eine Meldung nichts bringt. Wir müssen diese Hemmnisse beheben, um sicherzustellen, dass die Menschen weiterhin Betrugsfälle melden. Ohne Meldungen wird der Betrüger definitiv davonkommen. Wir müssen auch das Stigma rund um Betrugsfälle abbauen. Jeder kann einem Betrug unterliegen: Es ist nicht die Schuld des Opfers, sondern des Betrügers, welcher der Kriminelle ist. Außerdem müssen wir das Melden vereinfachen und die Ergebnisse weiterverfolgen.
Dies ist einer der Gründe, warum GASA in Kürze Scam.org einführen wird, eine Plattform, die die Berichterstattung vereinfachen soll. Wir werden auch Daten an den GSE weitergeben, um sicherzustellen, dass so viele Organisationen wie möglich davon profitieren.
7. Welche Innovationen der branchenübergreifenden Zusammenarbeit begeistern Sie besonders und welche Rolle spielen die regionalen GASA Niederlassungen bei der Umsetzung der Erkenntnisse vor Ort?
Wir können keinen Betrug weltweit bekämpfen, wenn Länder nicht teilnehmen. Die Niederlassungen sind von zentraler Bedeutung, um eine solide Grundlage aufzubauen, um weltweit gegen Betrug vorzugehen. Viele der Lösungen, die wir weltweit einführen, werden von den Niederlassungen landesweit angewendet. Viele Ideen, die von den Niederlassungen landesweit eingeführt werden, können jedoch auch auf andere Regionen angewendet werden. Die Niederlassungen sind eindeutig eine Win-Win-Situation.
Abgesehen vom Erfolg der GSE sehe ich mehr und mehr grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungsbehörden und dem kommerziellen Sektor. INTERPOL spielt dabei eine wichtige Rolle, indem es alle Beteiligten zusammenbringt, um Betrugszentren zu identifizieren. Es ist entscheidend, dass wir mehr Betrüger fassen, um ein klares Signal zu senden, dass Betrug nicht ungestraft bleibt.
8. Das diesjährige Gipfeltreffen fand in Amazons HQ2 in Arlingtion, Virginia statt. Wie stärkt aus Ihrer Sicht die aktive Beteiligung von Technologieunternehmen an der Mission von GASA unser gemeinsames Ziel, die Verbraucher zu schützen?
Technologieunternehmen und Einzelhändler sind wichtige Interessenvertreter für GASA. Betrüger versuchen ständig, die Personen auszunutzen, die diesen Unternehmen vertrauen. Das Wissen der Unternehmen, diese betrügerischen Organisationen zu blockieren, zu identifizieren und zu stellen, ist von entscheidender Bedeutung.
Beispielsweise hat Amazon seit zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Global Anti-Scam Summit America in seinem Hauptsitz HQ2 veranstaltet und die Entwicklung setzt sich weiter fort. Die wachsende Teilnahme von Führungskräften in Regierungsbehörden, Strafverfolgungsbehörden und Industrie spiegelt die Dringlichkeit dieser Angelegenheit wider und zeigt, was möglich ist, wenn wir zusammenarbeiten. Dadurch, dass Amazon dabei geholfen hat Experten zusammenzubringen und ihre eigenen Erkenntnisse und Fähigkeiten aktiv bereitzustellen, konnte Amazon dazu beitragen, unsere kollektive Fähigkeit zur Bekämpfung der sich verändernden Betrugstaktiken und -abläufen zu stärken. Diese Art von anhaltender Bereitschaft hilft uns, gemeinsam schneller voranzukommen – vom Austausch von Informationen über die Aufklärung der Verbraucher bis hin zur Umsetzung von konkreten Lösungen zum Schutz von Verbrauchern weltweit. Wir bedanken uns für die weitere Zusammenarbeit in dieser wichtigen Aufgabe.
Vertrauen schützen, Wirkung skalieren
Da Betrüger ausgeklügelter werden, erfordert der Schutz von Verbrauchern eine höhere branchenübergreifende und grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Durch die Zusammenarbeit mit Organisationen wie der Global Anti-Scam Alliance arbeitet Amazon zusammen mit anderen, um Verbraucher in aller Welt vor finanziellem und mentalem Trauma zu schützen, die durch Betrug verursacht werden.
Der Global Anti-Scam Summit America 2025 demonstrierte die Möglichkeit, Führungskräfte in öffentlichen und privaten Sektoren zusammenzubringen, um Wissen zu teilen, Strategien zu koordinieren und gemeinsame Maßnahmen gegen Personen mit betrügerischen Absichten zu ergreifen. Wir sind weiterhin bestrebt, zusammen mit GASA und anderen Branchenvertretern sicherzustellen, dass Betrüger keine Menschen ausnutzen, die uns vertrauen.
Weitere Informationen zu Amazons umfassendem Umgang mit Betrugsprävention.